DER SENNIN IZENSHUN

DER SENNIN IZENSHUN

Antike Asiatische Kunst - Auktion November 2003

Code: AS19-170

Netsuke, Elfenbein

Japan

18.Jh.

HÖHE 12,35 CM

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Wenn man den Höhepunkt der Netsuke-Kunst in der Realisierung echter, in allen Anforderungen perfekt durchgearbeiteter Skulpturen im Miniaturformat sieht, dann ist im vorliegenden Katabori ein exzellentes Beispiel, ein herausragendes Muster gegeben. Nun gibt es innerhalb der Netsuke-Kunst bei den Katabori (das sind die "rundum-geschnitzten", also die skulpturalen) bedeutende Größenunterschiede, von etwa 4 cm bis zu 13, 14 cm und mehr. Der vorliegende Sennin ist ein großes Netsuke, eine wirklich prächtige Skulptur, ein "bildhauerisches" Meisterstück. Nicht nur das, er hat auch ein Format, das außergewöhnlich ist, das auch stupend darlegt, wie intelligent das kulturelle Niveau Japans damals gelegen war. Der Gesichtsausdruck des Sennin spiegelt es sehr klar: da ist eine freie, unabhängige Persönlichkeit gegeben, ein wacher Geist, frisch und auch mächtig, selbstbewußt und mit Profil. Und das ist in dieser Darstellung, in diesem Konzept einer durchdringenden Verlebendigung, wirklich erfüllt - eine erstaunliche Tatsache, wenn man bedenkt, daß es sich hier "nur" um die Netsuke-Kunst handelt. In den Sennin, deren Darstellung - ausgenommen ihre Attribute - ikonografisch weitgehend vereinheitlicht ist, manifestiert sich irgendwie eine starke heimliche Sehnsucht nach der Freiheit, man könnte diese Netsuke-Figuren ohne weiteres als kleine, aber aussagekräftige "Statues of Liberty" bezeichnen. Die Freiheit gegenüber der Diktatur, des Zwanges, wenn man sich deren Fängen (zumindest als heimliche Vision) durch Flucht in die völlige Einsamkeit entzieht, zu radikalem Nur-mehr-ganz-selbst-Sein begebt. Die Kraft des Entschlusses und der Persönlichkeit vorausgesetzt. Im Prinzip stammen die Sennin von den chinesischen daoistischen Magiern ab, die immer sehr individualistisch gewesen sind, insofern stimmt das - vereinheitlichende - japanische Bildnis ja überhaupt nicht. Aber es erhöhte die Schlagkräftigkeit der Wirkung, die Essenz der Vision! So auch in diesem Werk, Izenshun trägt lockere chinesische Gewandung und das charakteristische Yomogi-Blattgewand der Einsiedler. Weiters langes Haar mit zwei Spiralen auf dem Kopf - Hinweis auf Kosmisches, Magievolles. Der Sennin ist hager, ja dürr, barfüssig, und der Kopf dominiert völlig, ja ihm ist sogar gewisse eine Monumentalität eigen. Aber keine erzen erstarrte, sondern voll sprühender Verlebendigung, voll Witz und Aussagekraft. Der Mund ist sprechend geöffnet, die Augen sind glänzend eingelegt. Der Hund ist das wichtige Attribut dieses Izenshun genannten Sennin. Izenshun heißt auf chinesisch Wei Shanjun, der Familienname "Wei" der "Lederne". In China zählt er zu den Yaowang, den "Königen der Medizin", einem daoistischen Äquivalent zu den "Medizinbuddhas" (deren Nr. 1 der historische Buddha selbst ist). Begleitet soll ihn stets ein schwarzer Hund haben, den das Volk "Schwarzer Drache" nannte. In der Darstellung hält ihn Izenshun mit einer Hand. Dessen Aussehen ist wirklich mehr wie ein Fabeltier bzw. den bekanntermaßen eher löwenartigen Shishi mit flammender Mähne und Schweif. Der Hund bleckt sein Gebiß und starrt auf recht witzige (und animalisch-magische) Weise ins All hinauf. So ist er letztendlich doch ein Drache, der darauf wartet, abzufahren. Izenshun lacht, weil er weiß, daß es auch seine Himmelsfahrt sein wird.Ein in allem meisterlich behandeltes Katabori aus schönstem Elfenbein und mit Patina, die auf der Rückseite noch stärker ausgebildet ist. Dort läßt sich der fallende, leichte Schwung in den Gewandfalten, die Ausarbeitung der langen Haare mit den Spiral-Enden, noch besser zu genießen. Die großen Himotoshi sind kompositorisch einwandfrei (in Gesäßhöhe) plaziert. Insgesamt eine hervorragende Geschlossenheit der figürlichen Präsenz und in allem sehr gut weich abgerundet, ein Charakterstück!

Experte: Wolfmar Zacken

Anm.: Aus der ehemaligen Sammlung Marcel Lorber, London.