KITAGAWA UTAMARO (1753 - 1806)

KITAGAWA UTAMARO (1753 - 1806)

Aus 3 Sammlungen - Ausstellung 2009

Code: 3SML-135

Original-Farbholzschnitt

Japan

1802

23,5 x 35,1 cm

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Original-Farbholzschnitt aus der berühmten Folge Komachi biki.
Erschienen: 1802. Format: Aiban yoko-e, 23,5 x 35,1 cm. Zustand: Gut in Druck und Farbe, originaler Mittelfalz, etwas berieben und einige Hinterlegungen.

Diese Ushiro dori - zu deutsch „Die Straße von der Rückseite“ genannte Spielart der Kopulation war ebenso als Stellung wie als Bildmotiv für Shunga beliebt. Offenbar handelt es sich bei dieser gutgekleideten Schönen in ihrer Tsunokakushi-Haube (eine spezielle Kopfbedeckung mit steifer Umrandung) um eine Frau aus gutbürgerlichem Hause, die sich nach vorgetäuschter Wallfahrt in einen Schrein mit ihrem Liebhaber heimlich im Hinterzimmer eines Teehauses trifft. In geradezu olympischer Monumentalität füllen die Körper des Paares das Bild. Die gesamte Aufmerksamkeit wird allein auf das Sinnliche gerichtet, das sich sowohl in den Gesichtern wie an der dynamischen Körperhaltung widerspiegelt. Eine solche Darstellung der Leibeslust ist keine romantische Konzeption mehr, wie sie bei Harunobu oder Koryusai anzutreffen ist, hier geht es ungestüm zu, kraftvoll und ohne Umwege. Die Zeit ist knapp, die Lust auf Sex nicht zu unterdrücken. Selbst während des stürmischen Tète-a-tète behält die Frau ihre Haube auf dem Kopf, um die komplizierte Frisur, deren Wiederherrichten nur mit fremder Hilfe möglich wäre, nicht zu zerstören. Das könnte ihr lustvolles Abenteuer schnell offenbaren und verheerende Folgen für sie haben.

Zur Serie: Die Übersetzung des Titels der Serie lautet sinngemäß „Ausziehen von schönen Frauen“. Komachi war in der Edo-Zeit ein Synonym für schöne Frauen. Orte, die für ihre schönen Frauen bekannt waren, durften „Komachi“ als Suffix zum Ortsnamen führen, eine Praxis, die auch heute noch hier und da zu beobachten ist.
Ono no Komachi war eine berühmte Poetesse des 9. Jahrhunderts, die nicht nur für ihre Dichtkunst, sondern auch ihrer außergewöhnlichen Schönheit wegen in die Geschichte eingegangen ist. Sie war die einzige Frau inmitten der Gruppe der Rokassen, der „Sechs großen Dichtergenien“ des klassischen Altertums . Ihr Leben und Werk nimmt im Farbholzschnitt und in der Malerei des Ukiyo-e eine bevorzugte Stellung ein.
Utamaros Wortspiel Komachi biki bezieht sich auf die Redewendung komatsu biki, das „Ausziehen von jungen Kiefern“. Im Frühjahr war es üblich, an einem bestimmten Tage junge Kiefern auszureißen und deren junge Maiwuchssprossen zum Schutz vor Krankheiten zu verzehren. Mit dem Uta makura (1788) und dem Negai no itoguchi („Erwachen der Begierde“ - 1799) gehört das Ehon Komachi biki zu den großen erotischen Werken Utamaros. Über die Entstehungszeit dieses mit 12 Doppelblättern illustrierten Shunga-Büchleins gibt ein Hinweis im Vorwort Aufschluss: „....Ein heiterer Frühling in der Kyowa-Ära“..... Diese umfasste bekanntlich die Jahre 1801 bis 1803.
Bei seiner genauen Festlegung auf das Jahr 1802 stützt sich der japanische Kunsthistoriker Hayashi Yoshikazu auf einen im Album dargestellten Freier. Dieser stürmische Liebhaber wird mit dem Literatennamen (haimyo) des Schauspielers Ichikawa Komazo II. namentlich benannt, der seit dem 11. Monat des Jahres Kyowa 1 (1801) unter neuem Bühnennamen Matsumoto Koshiro IV. zur Schauspielerdynastie der Matsumoto gehörte und gleichzeitig den Literatennamen Kinko angenommen hatte. Hayashi schlussfolgert daraus, dass, wenn die Zeichnungen zu dem Album 1801 entstanden sind, die Veröffentlichung 1802 erfolgt sein müsste. Zudem ist auf der sechsten Seite des Albums von der Ausstellung einer berühmten Buddhastatue im Ekoin (Totenmesse-Tempel nahe der Ryogokubashi am linken Ufer des Sumidagawa) die Rede. Eine solche hat nachweislich im Jahre 1801 stattgefunden.
Das Komachi biki, das auf Grund seiner großen Popularität in zahlreichen Fassungen, die sich alle voneinander in einigen bildlichen wie Textdetails unterscheiden, erschienen ist, belegt die außergewöhnliche Originalität von Utamaros Ausdrucks- und Formensprache, die sich im weichen Fließen der Gewänderbahnen, in den Physiognomien der im Liebesspiel versunkenen Paare, in der plastischen Körpersprache der raumfüllenden Figuren und nicht zuletzt in der fantasievollen Vielfalt der erotischen Spielarten offenbart.

SHUNGA - Trotz sexueller Revolution und der täglichen Begegnung mit viel nackter Haut fällt es sicherlich einigen Menschen in unserer Hemisphäre immer noch schwer ein japanisches Shunga im Beisein anderer unbefangen zu betrachten. Während die ganz auf die Überwindung des Daseins gerichtete christliche Ethik sinnliche Leibeslüste geißelt und als Sünde verurteilt, bedeutete der Liebesakt im alten Japan die höchste Steigerung und Erfüllung des Daseins. Man hatte ein völlig unbelastetes Verhältnis zur Liebe und betrachtete erotische Darstellungen mit der gleichen Sachlichkeit wie ein beliebiges anderes Bild. Shunga sind ein Kult der Verherrlichung eines geheimisvollen Lebensprinzipes, das die ewige Fortdauer der Menschen bewahrt und für die unablässige Erneuerung von Mensch, Tier und Pflanze sorgt. Sie schildern die vielen Möglichkeiten der körperlichen Vereinigung in all ihren Facetten und machen unerfahrene junge Männer und Mädchen mit sexuellen Praktiken und vor allem mit den 48 überlieferten Liebesstellungen vertraut. Die nebenstehenden Texte vermerken in Form eines Dialoges die Gespräche der Liebenden und geben ihre Empfindungen häufig so deutlich und so treffend wieder, dass sie oft noch realistischer und eindringlicher als die Darstellungen selbst wirken. Der große französische Sammler und geistreiche Kenner des japanischen Farbholzschnittes, Edmont de Goncourt, schrieb in seinem wundervollen Buch „Outamaro, le peintre des maisons vertes“ zu Utamaros Shunga Folgendes: „Die erotische Kunst der Japaner erschließt sich für den Liebhaber und Kenner der Zeichnung vollkommen in diesen Blättern, in dem wilden Ungestüm und dem jähen Überschwang dieser entfesselten Begattungen, im Wirbelsturm der Brunft, bei dem die Wandschirme im Zimmer umgeworfen werden, in der totalen Verschmelzung der ineinander verschlungenen Körper, in der nervösen Lust ihrer Arme, die zugleich umklammern und abstoßen, in der lustvollen Verkrampfung der Zehen an den verrenkten Füßen, im Keuchen des Atems, in den gierigen Küssen Mund an Mund, in den ohnmächtig zu Boden gesunkenen Körpern der Frauen, den „kleinen Tod“ auf ihren Gesichtern mit geschlossenen Augen unter dünn geschwungenen Lidern - vor allem aber in der Kraft der Strichführung, die von jener Macht des Ausdrucks beherrscht wird, die die Zeichnung eines männlichen Gliedes vergleichbar mit den Zeichnungen eines Michelangelo macht....“

Experte: Günter Müller