© Galerie Zacke
Katalognummer: HOK1009-020
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Schwarze Tusche auf Papier
Japan
19. JH.
BLATTGRÖßE CA. 37,5 x 27,3 CM
Bildkunst

DER ZEN-PATRIARCH DARUMA. Die innere Lebenskraft und der Einfallsreichtum dieses Künstlers gleichen einem Springbrunnen, aus dem es pausenlos hervorquillt und sprüht. So bindet sich Hokusai auch nicht an diverse Vorgaben, an vorgefertigt und wie abgepackt Tradiertes, an all die ausgetretenen Usancen - wie beispielsweise das „Antlitz“ des berühmten Patriarchen, das ja nie einer wirklich gesehen hat, weil er weitaus mehr als 1000 Jahre vor dem 18./19. Jh. gelebt hat. Hokusai schließt sich nicht der üblichen Ausführung an, die mehr oder weniger eine kolportierte Schablone ist, aber von so manchen auch sehr packend und sehr realistisch umgesetzt und belebt wurde. Hier ist der Patriarch ein ganz Hokusai’scher, als Daruma eigentlich nur an der Art der Kopfbedeckung zu erkennen. Wäre diese nicht, könnte es sich um einen Rakkan oder irgendeinen unsterblichen Eremiten oder Magier handeln. Das etwas wild Bärtige ist wohl auch ein Kennzeichen des aus indischem Brahmanengeschlecht Stammenden, der nach China gezogen war und dort den Chan-Buddhismus, der vor allem die meditative Praxis in den Mittelpunkt stellte, begründet hat (siehe auch in Nr. 24). Ganz meditativ in sein Inneres zurückgezogen - so gibt ihn Hokusai in dieser Malerei nicht nur in den sensiblen physiognomischen Werten wieder, sondern auch figural-kompositorisch. Die energische, sichere, versierte Zeichnung der Gewandfalten erweist die artistisch-akrobatische Begabung dieses Malers im Umgang mit seinem Pinsel. Der Duktus so, als würde er irgendwo ansetzen und in einem durch, wie bei einem heiter tanzenden, sehr amüsierten Spaziergang durch einen Irrgarten, irgendwo wieder aufhören, absetzen, und die Zeichnung ist beendigt, das ganze Gewand vorhanden. Daruma, im Sanskrit Bodhidharma genannt, sitzt auf einem ausgesetzten Fels auf einem Polster von Stroh, um ein gewisses Warm-Weiches unter sich zu haben. Also komplett das Konträre von dem, was in Japan früher gerne gewitzelt wurde, daß er nämlich 9 Jahre in sich versunken vor einer Mauer gesessen sei (siehe Anm.). Hier sitzt er in großer, fast schon kosmischer Freiheit, dieser zumindest sehr nahe, hinter sich nur noch ein wenig Fels sowie den Heiligenschein, der genauso die mächtige, langsam untergehende Sonne sein könnte. So wie der Patriarch ganz frontal, den Sitz ausgenommen, nahezu völlig symmetrisch dargestellt ist, erinnert das sehr an alte Kakemono-Malereien von buddhistischen „Gottheiten“. Daruma, welcher der 28. Patriarch nach dem historischen Buddha ist (aber der erste der Zen-Richtung), sitzt in Rajalilasana, was der sogenannte „Spielsitz“ der Könige ist, typisch für einige Bodhisattvas (darunter Lokeshvara), aber nicht für Daruma. Die unbekleideten Füße sind beide sichtbar. Beide Hände hält der Patriarch, der wie stets so auch hier Ohrringe trägt, zusammen und vor die Brust erhoben, möglicherweise in einer Art „Dhyanamudra“, der meditativen Entsprechung des Meditationssitzes (Dhyanasana), den er nicht eingenommen hat. Trotz des mehr „lässigen“ Lilasana ist von Hokusai eine stark in sich geschlossene, sehr verinnerlichte, meditative Aussage ganz in den Mittelpunkt gebracht. Provenienz R. Sawers, London Anm.: In „Rajalilasana“ ist „Lila“ das Spiel und „Asana“ der „Sitz“. Es ist kein meditatives Sitzen, das wären der Padmasana (Lotussitz) oder der Dhyanasana (Dhyana = Meditation). Daruma, der 9 Jahre vor einer Mauer meditiert haben soll, wird manchesmal sehr freizügig-drastisch karikiert, beispielsweise wenn die Ratten an ihm von unten her nagen, er jedoch unbeeindruckt aushält. Ein sehr seltsamer Anblick ist auch, wenn er sich nach all dieser Zeit zum ersten Mal erhebt*! Die um seinen Körper und den Kopf gelegte deckenähnliche Kleidung steht auch mit dieser langen Meditationszeit (und einer kalten Jahreszeit) in Zusammenhang. Daruma ist übrigens in Japan sehr populär als „Stehaufmännchen“ (Okiagari Koboshi, wörtl. „Wiederaufstehender kleiner Priester“) sowie als Schneemann (Yuki Daruma). Es heißt, daß er siebenmal „hinabgekommen“, jedoch achtmal wieder „hochgekommen“ sei, vorbildhaft für seine unverzagte Zähigkeit und seinen Durchhaltewillen. Dementsprechend ist das „9-Jahre-vor-der-Mauer“ in Japan zu einem eigenen Begriff geworden, der „Menpeki Kunen“ genannt wird („Men-peki“ ist „Gesicht-(zur)-Mauer“). * Es gibt Darstellungen, da sind ihm - was für eine Parodie! - schon die Beine abgefault. Im Prinzip geht das beinlose Stehaufmännchen genau darauf zurück ...

Expertise:
Wolfmar Zacken