© Galerie Zacke
Katalognummer: HOK1009-029
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Schwarze Tusche auf Papier
Japan
19. JH.
BLATTGRÖßE 38,8 x 27 CM
Bildkunst

EIN GELEHRTER, ODER ZWEI?. Hokusai hat sich in dieser Studie mit dem Typus des chinesischen Gelehrten befaßt, der aus bestimmten Gründen in die Geschichte eingegangen ist. „Gelehrter“ allerdings nicht ganz in unserem modernen Sinn, da in China schon einer ein solcher war, wenn er nach dem unendlich langen Leben forschte, ein im daoistischen Geist allerdings diffiziler Prozeß. Ebenso sind diese „höher“ Gebildeten - die Beamtenlaufbahn war im alten China von erlesener Qualität - sehr oft Künstler, insbesondere Kalligrafen, aber auch Dichter gewesen, weshalb man sie auch gern als „Literati“ bezeichnet. Die dargestellte Figur ist hoch gewachsen und trägt chinesische Gewandung, die betont weitärmelig ist und bis zum Boden fällt. Da kein Attribut ausgeführt ist, ist es nicht möglich, sie einer bestimmten „legendären“, vielleicht historischen Person zuzuordnen. Hokusai hat die Darstellung bewußt als Skizze verstanden, da er die Figur zweimal machte, jedoch gegenständig von oben nach unten, man kann das Blatt also um 180° drehen und hat erneut einen stehenden Gelehrten vor sich. Es geht nicht eindeutig hervor, ob es der gleiche Mann ist oder zwei verschiedene. In der einen Ausführung hat er die Arme auf dem Rücken zusammengetan, in der anderen (die wir - nach dem roten Siegel - als die „stehende“ bezeichnen) sie vielleicht vor der Brust gehalten, es ist nicht zu sehen, jedoch scheinen die Ärmel leer zu sein, sie „fliegen“ nach hinten. Hokusai begeisterte sich wie üblich am Faltenwurf, der hier an beiden Figuren zur Abwechslung einmal nahezu ausschließlich vertikal und zumeist linear ist und kraftvolle Striche bietet, siehe auch in der Anmerkung. Nur das Ende vom Rock und von den Ärmeln sowie das Häubchen erlaubten dem Meister sein versiertes Zickzack-Spiel. In der stehenden Figur kommen die Gesichtszüge sehr viel deutlicher voran, als an der „hängenden“, die mehr die Ansicht des Hinterkopfes bietet. Das Gesicht zeigt geistige Nachdenklichkeit, vielleicht meditative Konzentriertheit. Vielleicht sogar so eine Art daoistische Lichtmeditation, die in bestimmten Kreisen sehr beliebt war, das „innere Lichtvergrößern“, ein Maximierungsvorgang, der die Vereinigung mit dem Höchsten Einen anstrebte bzw. war der Wunsch damit verbunden, die Essenz des Einen vollkommen in sich auszubreiten. Ist alles erhellt, dann werden alle Krankheiten vertrieben und perfektioniert man diese Kunst, so sind Jahrhunderte an Alter oder mehr zu gewinnen. Aber man sollte nicht übertreiben, vielleicht handelt es sich hier nur um einen ganz „normalen“ Gelehrten. Die Barttracht trägt er übrigens auf die chinesische Mode, d. h. es wurde die Mehrzahl der Haare ausgerissen und nur einzelne verblieben. Das kleine rote Siegel neben der stehenden Figur bietet zwei Schriftzeichen und ist das Siegel des berühmten japanischen Sammlers und Kunsthändlers Hayashi, der um 1900 in Paris gelebt hat. Hayashi ist es zu verdanken, daß die Kunst Japans vergleichbar der Großen Woge von Hokusai in einem Schwall in den Westen gelangte und ihre bemerkenswerten, kunsthistorisch bedeutenden Auswirkungen hatte. Provenienz R. Sawers, London Anm.: Harari bietet auf Seite 213 ein Blatt, gleichfalls aus der Hayashi-Sammlung, das eine sitzende Dame, eine Kurtisane vermutlich, beim Lesen eines Buches abbildet. Interessant ist dabei die Verwandtschaft im Duktus des Pinsels. Harari verweist auf Ähnlichkeiten zu Malereien von Hokusai aus der Zeit zwischen 1810 bis 1812. Tadamasa Hayashi hat sich ab 1878 in Paris niedergelassen und versorgte „ein begieriges Publikum“ (Goepper) mit zahllosen Holzschnitten. Siehe auch im Vorwort.

Expertise:
Wolfmar Zacken