© Galerie Zacke
Katalognummer: HOK1009-004
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Tusche und Farben auf Papier
Japan
19. JH.
BLATTGRÖßE CA. 26,2 x 24,3 CM
Bildkunst

RATTE UND MELONE. Die Provenienz dieser Malerei, die bereits mehrfach international ausgestellt war, läßt sich bis Hokusai zurückverfolgen. Sie stammt aus einer Folge von 46 Bildern - ursprünglich als Querrolle montiert -, die von Louis Gonse 1880 aus der Sammlung von Kawanabe Kyosai erworben wurde, der sie direkt aus dem Nachlaß von Hokusai erstanden hat. (Siehe nähere Ausführungen unten, bzw. im 2. Vorwort.)Der feine Witz, der aus Hokusai’s Pinsel und Begabung fließt, sowie die dreidimensional wirkende räumliche Belebung im Blatt selber kommen in natura ungleich stärker zur Geltung als in der in dieser Beziehung meist etwas schwächelnden (digitalen) Fotografie bzw. Reproduktion. Hokusai hat - diese geniale Exzentrik - die Melonenspalte gleich einer Bergkette als Hindernis, als einen Riegel quer durchs Bild und unterhalb die Blattmitte gesetzt, also völlig in den Vordergrund. Das ist provokant. Die Maus oder Ratte ist ins Eck gedrängt, fällt beinahe (aber nicht wirklich) über die Bildkante. Jedoch sind diese Mäuschen versiert und agil. So knabbert das Tier an den schwarzen Kernen, die es sich hervorgeholt hat oder die beim Schneiden abgefallen sind. Diese graue Nezumi (Ratte) hat Hokusai mit gewisser - aber ganz subtiler - Flüchtigkeit hingesetzt, genauso wie die Eigenart dieser Tiere ist, nämlich unruhig, stets in Bewegung, niemals dem Auge vollkommen scharf zu erfassen. Der lange Schweif ist gerippt, das Fell fein, die Ohren groß und hellhörig, die Zehen sehr sensibel. Die große rote Melone (Uri) schweigt dazu und sieht so unschuldig aus, als wäre sie uns aus dem frischen, am Rand noch grasgrünen Herz geschnitten. Zwischen Maus und Ratte wird in Japan begrifflich kaum unterschieden, beide sind einfach „Nezumi“. Grob unterschieden wird zwischen den Nezumi, welche Häuser bewohnen (die Ienezumi) und denen am Land, Bauernhöfe inkludiert (die Nonezumi). Die Bewertung des Tieres ist im Vergleich zu Europa völlig anders, da in Japan die Ratte im Tierkreis ist (es also im „Rattenjahr“ Geborene in Unmengen gibt) und weiters sie das Symboltier des Glücksgottes Daikoku ist, der den japanischen Wohlstand personifiziert (der Zusammenhang ist über den Reis gegeben). Im Zodiakus (Tierkreis) ist die Nezumi Nr. 1. Zuerst war es der Ochse, dann aber sprang sie (anläßlich der Beweinung des Hinwegscheidens des Buddha) wieselflink und neugierig über dessen Rücken nach vorne. Ähnlich wie die Melone im Bildnis liegt. Sehr viel in Japans Künsten wurde von China inspiriert, so gibt es für die an einer Melone nagenden Ratte auch große Vorbilder im wörtlichsten Sinn, etwa aus dem 13. Jh. von Qian Xuan - Ratte nagt an Melone. Auch in der Netsuke-Kunst ist dieses Motiv üblich gewesen. Hokusai läßt in verschiedenen Entwürfen die Nezumi aber auch an anderem nagen, in der Manga an einem Mochi (Reiskuchen) oder an einem Daikon (Rettich, abgebildet in „Hokusai“ von Forrer, Seite 220).

Expertise:
Wolfmar Zacken

Kyôsai soll (laut Gonse) diese wie ein „Heiligtum“ verehrt und aufbewahrt haben, war aber - aufgrund seiner Trunksucht und aus ihr resultierendem Geldmangel - gezwungen, sie zu verkaufen. 1880 erstand dann Louis Gonse diese Querrolle von Kyosai und publizierte über sie erstmals in seinem Werk „L’art Japonais“ (Paris 1883) im ersten Band auf Seite 282?-?286 sowie in Tafel 7. Seinen enthusiastischen Text drucken wir anschließend ab. Auch Edmond de Goncourt gibt eine kurze Beschreibung dieser Querrolle in seinem Buch „Hokousai“ (Paris 1896, S. 309?-?310). Im Mai 1924 wurde die Querrolle bei Drouot in Paris versteigert (Lot 267, „Rouleau où ont étè assemblés 46 croquis, dessin pour la pluspart aquarellé et gouaché, représentant des fleurs, des oiseaux, des -papillons, des personnages, d‘une exécution exquise. Sur une fiche extérieure, on lit : Katsushika Hokusai Mangwa Jo“ (Album). Sie kam in den Besitz von Felix Tikotin (über ihn im großen Vorwort), der nicht nur Sammler sondern auch Kunsthändler war und die Querrolle in einzelne Bilder teilte und an verschiedene Museen, Sammlungen sowie private Sammler verkaufte. Die hier angebotenen Malereien aus genannter Rolle stammen alle aus der Sammlung E. Biedermann, der sie direkt von F. Tikotin (nachmals Genf) erworben hat. Alle hier präsentierten elf Arbeiten waren vielfach in verschiedenen ausländischen Museen und Sonderschauen ausgestellt, die dazu entsprechenden Hinweise, soweit verfügbar, sind bei den jeweiligen Bildbeschreibungen vermerkt. Über die Querrolle ist außer von L. Gonse und E. de Goncourt bis heute mehrfach publiziert worden u.a. von Mathi Forrer, James Hillier etc. Es sind alle Bilder unsigniert und bedauerlicherweise gibt es keine komplette Aufzählung der in diesem Kakemono einstmals enthalten gewesenen Werke. Welche Sicherheit bietet sich nun bezüglich der hier aufgelisteten elf Malereien - daß sie aus dieser viel genannten und irgendwie „berühmt“ gewordenen Querrolle auch tatsächlich stammen? Zum Ersten sind Katalognr. 1 und 4 bei Gonse abgebildet und ist die Nr. 4 überdies im Text erwähnt. Bei Goncourt sind die Katalognr. 4, 9 und 10 gelistet, die Nr. 10 ist mit einem Hinweis auf das Ippitsu Gafu (Seite 241?-?43) versehen, siehe Näheres darüber in unserer Beschreibung. Eine weitere Sicherheit, daß alle elf Arbeiten von Hokusai aus genannter Querrolle sind, ist, daß sie zu Lebzeiten Tikotins (dem - als einer der großen Sammlerpersönlichkeiten - ein -eigenes Museum in Haifa gewidmet wurde) im Zeitraum 1954 bis 1984 in verschiedensten Ausstellungen museal gezeigt, in den jeweiligen Katalogen abgebildet sowie beschrieben wurden sind und durchwegs als Herkunft die „berühmte“ Querrolle, die über Kyosai und Gonse nach Europa gekommen ist, angegeben wird. Diese Ausstellungen fanden statt im Art Council in London, im Musée d’Ixelles in Brüssel, in Martigny in der Schweiz, in der Kunsthalle in Baden-Baden sowie in einem Fall auch in den USA. Diese Abfolge von Ausstellungen hat bereits 30 Jahre nach dem Verkauf der kompletten Bildrolle begonnen, somit zu einem Zeitpunkt, als die Zusammenhänge noch sehr gut klärbar bzw. auch nachprüfbar waren. Seitens diverser Fachleute bzw. Hokusai-Experten ist nie bezweifelt worden, daß es sich um Arbeiten handelt, die aus Hokusai’s eigenen Händen stammen sowie aus der vielzitierten „Querrolle“, in der sie vormals montiert waren. Gonse vermutete angesichts der gesamten Rolle, daß die Arbeiten zwischen 1810 und dem Lebensende von Hokusai entstanden sind, eine Zeitspanne von fast vier Jahrzehnten. Geht man von den in „L’art Japonais“ von Gonse abgebildeten Stücken (Nr. 1 und 4) aus und vergleicht mit den anderen Malereien, so ist die Nr. 1 zwar besonders herausragend, es ist aber auch ein unübersehbarer durchgehender Zusammenhang hinsichtlich des Spontanen sowie der stilistischen Ausdrucksweise des Pinsels, seiner ganz bestimmten Führung und erkennbaren Konzentriertheit gegeben, kurz gesagt, ist es recht eindrücklich, daß all das Gezeichnete (bzw. Gemalte) der Hand sowie dem Geist des Hokusai entsprungen ist. Selbstverständlich sind „Dynamik“ und „Spontaneität“ oder Fülle des Pinsels und Kraft im Aufsetzen nicht genormt, sie sind es nie und bei keinem. So gibt es darin immer wieder leichte bis stärkere Schwankungen und somit Unterschiede, ein Bild kann bedächtiger, stiller, nachdenklicher oder auf mehr gezielt-direkte Art erfüllt und wie in einem kraftvollen Satz hingesetzt sein, oder überhaupt mehr zugewandt dem Naturhaft-Poetischen, was bei Hokusai in seiner Ausdrucksweise überhaupt zwei sehr gegensätzlich wirkende Welten sein können. Wie überhaupt stilistische Wechsel - auch stärkere - bei diesem Künstler nachgewiesen sind. Hat man selbst einmal intensiv gemalt, dann ist solcherlei völlig selbstverständlich, reflektiert bloß das innere oder äußere bzw. von außen nach innen und vice versa sich auswirkende Leben in all den zahllosen Facetten, Spiegelungen und Wechselfällen wieder. In den gemalten „Zeichnungen“ aus dieser Querrolle eine zusammenhängende Identität ihres „schöpferischen Wesens“ zu erkennen, fällt wirklich nicht schwer. Text von Louis Gonse in „L’art Japonais“ (erschienen 1883) zu dieser Querrolle mit Malereien von Hokusai, aus der nachfolgend die Nr. 1?-?11 unseres -Kataloges sind, lautet folgendermaßen: „Was die sechsundvierzig Aquarelle angeht, in verschiedenen Größen und aus verschiedenen Epochen, so sind sie alle von außerordentlicher Schönheit. Nie ist eine geschicktere Hand über das Papier geeilt. Es ist unmöglich, sie ohne Gefühl zu berühren. Das ist das Absolute, das ist die japanische Kunst mit einem Höchstmaß an Vollendung, an Frische, Lebendigkeit und Originalität. Motive aller Art, Studien von Gesichtern, Gesten und Haltungen, Blumen, Früchte, Insekten, Schmetterlinge in bunt schillernden Farben und Jungtiere voller Kraft folgen aufeinander und zeigen unerwartete und besondere Aspekte der Natur, eingefangen von einem einzigartigen Auge. Jede Seite ist eine geniale Komposition, ein vollendetes Stück, dem auch die strengste Kritik nichts hinzuzufügen wüsste: hier eine Zikade auf einem Kürbis oder ein um einen Hortensienzweig fliegender Spanner, dort eine an einer Scheibe Wassermelone nagende Ratte oder eine sich in einem Glas tummelnde Silberkarausche. Erwähnt werden sollte, dass einige dieser Motive sich in den gedruckten Alben wiederholen, allerdings nie in identischer Form. Ihrer Ausführung nach gehören sie in die dreißig letzten Lebensjahre des Künstlers, das heißt in seine beste Zeit. Die, was den Reichtum des Stils betrifft, schönsten sowie durch Geschmack und Pinselstrich gleichermaßen prägnantesten Bilder sind diejenigen, die am spätesten entstanden scheinen. Es gibt einige Studien von Philosophen, die würdig wären, von Rembrandt signiert zu sein, und das meine ich wörtlich. Einige seiner Aquarelle sind wahrscheinlich erst nach 1840 gemalt, die ältesten nicht vor 1810. Hokusai hat sich immer weiter perfektioniert. Seine Sinne haben nie nachgelassen. Hierzu habe ich im Nachwort der ersten und sehr seltenen Auflage des ersten Bandes von „Die hundert Ansichten des Berges Fuji“ (Fugaku Hyakkei) eine sehr bemerkenswerte Aussage von Hokusai selbst gefunden, die Dietkins und Anderson unbekannt war. Ich bringe hier die wörtliche Übersetzung: „Seit ich sechs Jahre alt war, war ich von dem Drang beseelt, die Formen der Dinge zu zeichnen. Im Alter von fünfzig habe ich eine Unmenge von Zeichnungen veröffentlicht, aber nichts von dem, was ich bis zum Alter von siebzig geschaffen habe, befriedigt mich. Mit dreiundsiebzig schließlich habe ich so ungefähr die Form und die wahre Natur der Vögel, Fische, Pflanzen usw. begriffen. Demnach werde ich im Alter von achtzig Jahren große Fortschritte gemacht haben, mit neunzig werde ich den Dingen auf den Grund gegangen sein, mit hundert werde ich wirklich ein unbestimmbares höheres Stadium erreicht haben und im Alter von hundertzehn wird alles, sei es nun ein Punkt oder eine Linie, von wahrem Leben erfüllt sein. Mögen die-jenigen, die ebenso lange wie ich?* leben werden, sehen, ob ich mein Wort halte.“ * Hokusai ist 1849 im Alter von knapp 90 Jahren verstorben

Ausgestellt und publiziert: 1883 in „L’Art Japonais“ von Gonse, Band 1, Abb. Tafel 7. Sodann 1954 in „Hokusai ...“ vom Art Council of Great Britain, „Rat with a slice of watermelon“, Nr. 61. Sodann 1982 in Martigny (Schweiz) in der Ausstellung „L’Art Japonais ...“, „Souris et tranche de pastèque“, Nr. 22. 1984 in der Staatlichen Kunsthalle von Baden-Baden, Nr. 38.