© Galerie Zacke
Katalognummer: HOK1009-023
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Schwarze Tusche und Farbe auf Papier
Japan
19. JH.
BLATTGRÖßE 30,3 x 24,8 CM
Bildkunst

DER BETTLER. Eine sehr charakterhafte, sehr aus dem Leben gegriffene Darstellung eines hageren, dürren alten Mannes, der gebückt ist und sich an einem langen Stab aufrecht hält. Die aus Flicken zusammengesetzte und zerschlissene Kleidung läßt erkennen, daß es sich um einen Bettler (Kojiki) handelt. Hokusai stellt die Figur ganz in den Blattmittelpunkt, aufgrund des Gebuckeltseins und des nach vorne hängenden Kopfes ist die obere Breite ein Vielfaches gegenüber der untersten. Ja sie weitet sich betont konisch, da nach hinten zusätzlich schräg ein Gegenstand hervorsteht. Der Bettler, sichtlich ein real erlebtes und auf irgendeine Weise gespeichertes Bild, ist ohne einen Hintergrund oder eine nur geringe Andeutung eines Raumes dargestellt, seine Ausstrahlung als Lebewesen sowie die reiche Strukturierung an ihm (vor allem in der Kleidung) schaffen leichtens die Imagination eines Bodens, einer Umgebungssphäre, eines im Irgendwo verschwimmenden Hintergrundes. Der Bettler verharrt, zögert, steht oder geht mühsam langsam, vielleicht schleppt er sich voran, kein Mensch kümmert sich um ihn, so manche gehen ihm aus dem Weg, um ihn herum ist es menschenleer. Hokusai’s ungemein plastische Präsenz dieser Darstellung ist so stark, daß sie einen geradezu zwingt, irgendetwas von dem Bettler* hören, wahrnehmen zu müssen, vielleicht ein Knirschen der Gelenke, einen Atem, ein kleines Geächze, ein Rascheln oder Knistern der Flicken, einen seltsamen Geruch. Die Füße stecken in Waraji, verbrauchten Strohsandalen. Die Hose bedeckt drei Viertel der Beine und ist sogar mit einem Obi gebunden, der eine Masche zeigt. In ihrer Nähe befindet sich vielleicht auch ein Gegenstand, dessen Wesen der Künstler uns aber nicht näher definiert. Der glatte schlanke Stab, kein Bambus, betont die Vertikale, der linke Unterarm des Mannes liegt ihm völlig an, die Hand umklammert das obere Ende. Dieser Arm, so wie auch der andere Unterarm, ist künstlerisch eine gewaltige Sache, denn er pendelt zwischen Skelettierung und einem Lebenswillen, der sich felsengleich geriert, weshalb dieser Arm auch wie ein etwas bizarr aufragender Fels aussieht, eine erstaunlich geniale Ausdrucksfacette! Aber das „Felsige“, das zugleich in möglicherweise Vereinsamung oder im Absinken trotzig Beharrliche, das bei größter existentieller Reduziertheit aufrecht Gehaltene an Minimum, es ist hier höchst real gezeichnet und von einer großen Meisterschaft ausgedrückt. Ja, man könnte überhaupt die gesamte Gestalt als einen „einsamen Felsen“, der aus einer Ebene der Beliebigkeit aufragt, erkennen. Besonders erweist sich das auch in der Gestaltung des Gesichtes, das aussieht, wie die knackige Rinde, die sich von einem Baum abhebt, oder eben wie ein Stein, gehärtet aus aller Ausgesetztheit und allen zuwideren Unwägbarkeiten. Und dennoch - und das ist der große Künstler - ist eine stille menschliche, sehr zurückgehalten weise Feingesinntheit in den Zügen vorhanden. So wie das Spiel der Sonne auf dem wenigen Gras, das auf einem Fels noch wächst. Provenienz R. Sawers, London Anm.: Es gibt ein bekanntes Selbstbildnis des Künstlers als Ganzfigur - als hagerer, krumm am Stab gehender Mann. Hokusai trägt in seiner Selbstdarstellung keine Flicken und auch ist keine Ähnlichkeit in den Gesichtszügen gegeben, außer vielleicht dem Geringen, das immer irgendwie „automatisch“ einfließt, somit auch zum Zeugen einer unverrückbaren Authentizität wird, von den zeichnerisch charakterhaften Eigenheiten abgesehen. Möglicherweise hat sich Hokusai im vorliegenden Bildnis in einem weiteren Stadium als ganz zu „Fels“ geworden gesehen, entkernt aller menschlichen Sensibilität, einer Schwäche auch, enthoben allen weiteren Alterns und Verfalls, versteinert in „Todlosigkeit“. Hokusai als gebückter Alter ist beispielsweise abgebildet in dem neuen (schön gedruckten) Buch „Hokusai“ vom Pariser Musée Guimet, gleich neben dem Impressum auf letzter Seite oder - groß - auf Seite 192. In der alten Zeit „leisteten“ Bettler (Kojiki) meist etwas, um zu Geld zu gelangen, beispielsweise eine kleine Erpressung. Beliebt war, vor ein Geschäft am Boden geschwind mit Sand aus einem Sack „Fuhanjo“ (wörtl. Kein-Gedeihen) zu schreiben bzw. es anzudrohen. Abergläubisch-nervöse Händler zahlten dann rasch, um das zu verhindern. Gewiße Bettler wurden darum auch „Sandschreiber“ genannt. Allerdings muß hervorgehoben sein, daß es sich nicht unbedingt um einen richtigen Bettler in dem Bildnis handeln muß, denn einem „Hinin“ (wörtl. „Nicht-Mensch“, die unterste soziale Gruppe) entspricht er nicht. Diese durften nämlich keine Bedeckung tragen und ihr Gewand nur bis zu den Knien.

Expertise:
Wolfmar Zacken