© Galerie Zacke
Katalognummer: HOK1009-034
Tsukioka Yoshitoshi (1839 - 1892)
Tusche und Farben auf Papier
Japan
19. JH.
BILDGRÖßE 27,7 x 14,3 CM
Bildkunst

DER GEIST DER OIWA. Ein Jahr nach Shibata Zeshin (Nr. 38 und 39) ist Yoshitoshi verstorben, nur hat er insgesamt wesentlich kürzer gelebt und endete in Umnachtung. Er bildet sozusagen einen Markstein, weil er der letzte geniale Holzschnittkünstler im Ukiyoe ist, der letzte große, bekannt geworden u.a. durch seine Mondserie, durch Heldendarstellungen, aber auch durch seine blutrünstigen, mitunter sadistisch wirkenden Entwürfe. In seiner besten Periode scharten sich über 80 Schüler um ihn. Sein eigentlicher Name war Yoshioka Kinzaburo, der oben angebene Künstlername sein erster, später nannte er sich Taiso Honen. Als er seine frühesten Drucke machte, lernte er bei Utagawa Kuniyoshi, von dem sich in der Nr. 30 unseres Kataloges ein „Gespensterbild“ findet. Gespenster oder Geister, die aus Verstorbenen entstanden sind, werden Yurei genannt, zeigen sich nur bestimmten Personen, mitunter auch aus Rache, falls sie beispielsweise ermordet wurden, wie das in der vorliegenden Darstellung der Fall ist. Auf natürliche Weise Verstorbene, die mit sauberem Ritual abgefertigt wurden, gehen mit ihrem 33. Todestag zu den Ahnen über und können nicht mehr als Geister erscheinen. Alles, das abgemetzelt wurde oder auf irgendeine Weise verunglückt ist, dem steht dieses Finale nie offen. Sie erscheinen darum auch als Geister im Familienkreis, um ihr Schicksal zu beklagen. Von Kuniyoshi gibt es beispielsweise eine bekannte Malerei, in der der Geist einer Verstorbenen „um ihr Elternhaus schleicht“. Charakteristisch für diese Yurei ist ihr wirres Haar, dürre lange Arme, die in der Regel kraftlos herabhängen und vor allem - keine Beine. Der vollkommen anders geartete Kreis der „Gespenster“ - von allen Hexen, Gerippen und Teufeln ganz abgesehen - wird in Japan von den Bakemono gebildet, die mehr dämonische Kobolde sind, oftmals sehr ins Groteske amüsant bis bizarr übertrieben, mehr als 500 sind bekannt. Obwohl in unserer Malerei hier nur ein Teil des Oberkörpers dargestellt ist, somit nicht festgestellt sein kann, ob Füße vorhanden sind oder nicht, ist ohne jeden Zweifel ein Yurei anzunehmen und aufgrund des geschwollenen Auges der Geist der Oiwa. Diese war mit dem Samurai Kameya Iemon verheiratet, von dem sie grausam mißhandelt und schließlich vergiftet wurde. Oiwa verfolgte daraufhin ihren Gatten als ein Yurei alle Tage und Nächte, so daß er alsbald vom Wahnsinn erfaßt wurde und jeden, der ihm begegnete, ungeschaut umbrachte, seine neue Frau namens Osoda genauso samt deren Familie. In anderen Varianten wird die Oiwa, da ihr Mann sie der Untreue bezichtigte (auch umgekehrt), kurzum mit dem Schwert enthauptet - auf diese Bluttat bezieht sich Yoshitoshi in dieser Malerei allerdings nicht - oder samt ihrem Liebhaber an eine Tür gefesselt und in den Fluß geworfen*. Blickt man genauer auf die schrecklich-schöne Malerei, so ist rechts unten am blauen Ärmel an einigen Falten, an den Strichen eine sehenswert delikate Feinheit in der Pinselführung zu beobachten. Man sehe sich auch die Rippen an, oder das Haar, mit welch eleganter Sicherheit die Linien geschwungen sind, aber auch mit welch geringem Aufwand Plastizität und bestimmter Ausdruck erreicht wurden. Eine der bleichen knochigen Hände hängt kraftlos herab, wie es für diese Yurei typisch ist, die andere aber ist erhoben und scheint mit dem vom Kopf herabhängenden Haar zu spielen. Dabei liegt der längere Zeigefinger auf der Daumenspitze. Ob die leicht gelbliche Färbung dieses Gespenstes von Yoshitoshi etwas getönt ist oder vom Altern des Papiers herrührt, läßt sich kaum sagen, möglicherweise beides. Das voran Eindrucksvolle in dem Blatt ist natürlich der Kopf, der unübersehbare Präsenz hat, der Geist dieser Vergifteten, der noch ganz am Leben ist, der Kopf läßt das beklagenswerte Schicksal erfühlen. Das arg hervortretende Auge bzw. noch mehr der Bereich, der kugelförmig angeschwollen ist und auf das Auge darunter drückt sowie der sichtlich mißgebildete Mund sind auf die Mißhandlungen bzw. auf das Gift zurückzuführen, Blutspuren aber sind keine gemalt, was bei Yoshitoshi eher verwundert. Aber eine sehr subtile, tiefgehende Dezenz ist in dieser eigentümlichen, seltenen Malerei ohne Zweifel gegeben. Es ist auch sehr packend zu verfolgen, wie in diesem Bildnis das innere Leben spürbar in den Vordergrund tritt, ja man fängt leicht an, sich mit den seelischen Vorgängen und den möglichen Geschehnissen, die sich alle ereignet haben könnten, differenziert zu befassen. Diese Malerei ist ein Meisterwerk! Fein, sicher, psychisch in verzweigten Schichten facettiert abgefaßt, und mit einer Kraft der Authentizität, als wäre der Künstler diesem Yurei persönlich begegnet, hätte ihn gebeten zu verweilen, eine Skizze gemacht, der Geist aber zögert, ist sich sehr unsicher, will ausweichen, vielleicht gar entfliehen, verbleibt, wird mehr und mehr nachdenklich, immer mehr traurig, seufzt leise ... Darstellungen der Oiwa, die ein „berühmter“ Yurei ist, gibt es viele, beispielsweise ein großartiges Holzschnittblatt von Hokusai oder eine sehr eindringliche Darstellung von Hokuyu, oder von Kunisada (wo sie gerade ihrem Samurai-Gatten erscheint) etc. Das Oiwa-Thema ist auch als makabres Theaterstück sehr populär, Titel „Yotsuya Kaidan“ oder - in einer der mehreren Varianten - „Oiwa no Ita Gayeshi“. Rechts unten befindet sich in dem Blatt ein rotes, kaum lesbares Siegel, möglicherweise von Yoshitoshi oder ein nachträglich angebrachtes Sammlersiegel. Allerdings hat Yoshitoshi die Eigenart praktiziert, seine Siegel ebenso exzentrisch wie auch stets wechselnd zu gestalten. Diese Malerei ist aus der ehem. Sammlung E. Biedermann, Bern. * Yoshitoshi war auf keinen Fall der einzige „Grausame“. In der Genfer Baur-Sammlung befindet sich z.B. ein exzellent geschnitztes, sehr ungewöhnliches Netsuke von Koseki, das die Oiwa und ihren Liebhaber Kohei an die Türen - gefesselt zeigt, beide aber bereits ertrunken und zu frischen Yurei geworden, mit verzerrten Gesichtern und bereits beinlos ...

Expertise:
Wolfmar Zacken