© Galerie Zacke
Catalog Number: HOK1009-022
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Black ink and color on paper
Japan
19th century
SIZE CA. 34 x 22,7 CM
Visual Art

HOLLÄNDER. Die „Holländer“ sind eine sehr eigenartige historische Erscheinung in Japan, ob Hokusai persönlich einen jemals gesehen hat, dürfte eher anzuzweifeln sein, denn sie waren bekanntlich streng abgeschlossen auf einer künstlichen kleinen Insel („Deshima“ genannt, wörtl. „gemachte Insel“, größte Breite 214 Meter), die sich im Hafen von Nagasaki auf Kyushu befand. Deshima wurde anfangs von den Portugiesen bewohnt, die jedoch 1640 von Japan ausgewiesen wurden, bei einem gleichzeitigen radikalen Handelsverbot. Im darauffolgenden Jahr zwang man alle Holländer in Japan (die meisten befanden sich in Hirado, bekannt für Porzellan) nach Deshima zu übersiedeln. Zwei Quellen gibt es, von denen sich Holländer-Darstellungen in Japan vor allem verbreitet haben, nämlich über das Hirado-Porzellan und noch weitaus mehr über die Holzschnitte, die in Nagasaki hergestellt wurden. Von Deshima, seiner Lage und den Häusern darauf gibt es übrigens auch recht genaue Wiedergaben. Die Holländer sind in ihrer Erscheinung unverkennbar, charakteristisch für sie sind natürlich die Kleidung, zu der auch die Kopfbedeckung zählt, die in diesem Bildnis ganz genau wiedergegeben ist. Besonders aber die Allonge-Perücke, die damals Mode war (siehe in Anm.), und an deren Locken sich auch Hokusai in seiner Geschicklichkeit übte. Sie sind ihm geradezu perfekt gelungen, allerdings zu einer mehr ostasiatischen Sichtweise geneigt. Die Locken sind nämlich weitaus mehr die bekannten Voluten, die - seit archaischer Zeit bereits - Wolken darstellen, bzw. sogar in Richtung „kosmische Wirbel“ gehen. Die künstliche Lockenpracht des Holländers ist nur im Schläfenbereich einigermaßen real ausgeführt, dann geht sie über wie zu schäumenden Wirbeln in einem Wasserfall oder eben Wolkengebilden, die sich ballen, hier aber eine mehr rollende Bewegung vollführen. Sehr ähnlich stellt diese Locken Hokusai in einem Surimono dar, das einen Holländer, der eine Shamisen spielt, neben einer Kurtisane aus dem Vergnügungsviertel von Nagasaki wiedergibt (entstanden um 1806). Holländer wurden in Japan auch sehr gerne karikiert, verständlicherweise sah man in ihnen seltsame, auch komische, mehr oder weniger zu belächelnde Naturen. Das tritt in diesem Bildnis aber nicht in Erscheinung, den Künstler fesselte mehr ein ernsthaftes Erfassen und Deuten einer bestimmten physiognomischen Realität. Das wird auch dadurch unterstrichen, daß nur das Gesicht mittels Schattierung und Farbe hervorgehoben ist. Der Holländer hält in einer Hand einen Stock oder hält sich an etwas fest, das stabartig aussieht. Die andere Hand, die nicht geschlossen ist, sondern sich vielleicht ein wenig mit den Fingern bewegt - fast so, als würden diese auf einer Tastatur spielen -, befindet sich auf dem faltenreichen Ärmel eines sichtlich wärmeren Gewandes. Eigenartig, daß sich an dem Ohr ein Ring befindet, er paßt natürlich gut zu den Voluten der Locken, die genauso Ringe bilden. Ein etwas fleischiges Ohr und die große Nase sind in diesem Gesicht am ehesten europäisch (oder eben „holländisch“), in der Darstellung der Augen scheint sich doch eine kleine Nuance eines fernöstlichen Schnittes, einer japanischen Sensitivität eingeschlichen zu haben. Sehr fein ausgeführt sind die Brauen und fein belebt die stärker rötlichen Lippen. Erscheint die Gesichtsfärbung mehr aus einem Erdrot gewonnen, so dürfte an ihnen ein anderes Rot-Pigment verwendet worden sein. Bart ist übrigens keiner auch nur angedeutet. Die farbige Gesichtsgestaltung in aquarellhafter Schattierung ergibt eine plastisch-belebte Wirkung sowie den eindeutigen Mittelpunkt der gesamten Ausführung. Der Kopf ist etwas nach vorne gebeugt und der mehr jugendlich-männliche Ausdruck ein wenig verloren, vielleicht versunken, nachdenklich. Betreffend die Kopfbedeckung siehe noch in der Anm. Provenienz R. Sawers, London Anm.: Die Holländer sind ab der „Nationalen Abschließung“ (dem „Sakoku“ 1639) die einzigen Europäer gewesen, die sich in Japan, beschränkt auf Deshima, noch aufhalten durften. In Hokusais „Manga“, Band 6, finden sich zwei Männer mit ganz gleicher Kopfbedeckung wie im vorliegenden Blatt, die sind aber Portugiesen von einem 1543 vor Tanegashima gesunkenen Schiff, welche dann auf dieser Insel, gelegen unterhalb der Südspitze von Kyushu, landeten und die ersten Feuerwaffen mitbrachten. Da die Allonge-perücke erst zur Zeit Ludwig XIV. nach Mitte des 17. Jh. aufgekommen ist, kann es sich in der hier vorliegenden Darstellung - trotz der zu einem Holländer nicht recht passenden Kopfbedeckung - nur um einen Holländer handeln. Möglicherweise liegt hier seitens des Künstlers (oder aus einer anderen Quelle) eine Verwechslung vor (oder der Mann hat tatsächlich eine portugiesische Mütze getragen und wurde eben so dargestellt).

Expertise:
Wolfmar Zacken