© Galerie Zacke
Catalog Number: HOK1009-030
UTAGAWA KUNIYOSHI (1798 - 1861)
Tusche und Farben auf Papier
Japan
19. JH.
BLATTGRÖßE 27,1 x 37,9 CM
Visual Art

KOPF EINES DÄMONEN IM NÄCHTLICHEN STURM. Diese Malerei ist ganzseitig abgebildet im bekannten „Japanischen Gespensterbuch“ von O. & C. Graf, das 1925 in Deutschland erschienen ist. Der Text dazu (auf Seite 59) lautet: „Eine gewaltige Phantasie der Furcht und des Entsetzens ist das dämonische Geisterhaupt, das in ungeheuerlicher Größe, vom Sturm wie das dunkle Verhängnis dahergejagt, über die kleinen Wohnstätten der Menschen schwebt, und die nur dem gelingt, der zu der Empfindung auch das Können, wie Kuniyoshi es noch besaß, hat.“ Damals hat sich das Blatt offenbar noch in der privaten Sammlung des für Kenner der Asienkunst auch heute noch geläufigen Namen des Berliner Museumsleiters O. Kümmel befunden. Irgendwann nach dem Krieg ist es dann in die Hände des großen Filmregisseurs Fritz Lang gekommen, der unzweifelhaft von der intensiv dicht geprägten, düster-dramatischen, zeichnerisch dynamischen Wirkung des Blattes angezogen gewesen sein dürfte*. Ein flächenmäßig großer Teil der Malerei besteht nur aus Haaren. Es sind lange schwarze Haare, die von allen Seiten des bleichen Kopfes, von oben, unten, mittlings wild nach vorne flattern, ja peitschen, und es entsteht der unmittelbare Eindruck, daß die Mähne dieses Dämonen in die geduckten Häuser und Hütten, die nur am unteren seitlichen Rand angedeutet sind, hineinschlagen wird, nachdem er sie vorher abgetastet hat. Irgendwie ist man auch an die Häupter der Gorgonen erinnert, die in der griechischen Mythologie geflügelte, grauenerregende Wesen mit Schlangenhaaren sind. Kuniyoshi stellt den Kopf so groß in die linke Bildhälfte, daß er sie weitgehend okkupiert, einem umtosten bleichen, wie toten Gestirn gleich, das bedrohlich diesem harmlos-einsamen Erdenplatz sich nähert und zugleich seltsame menschliche Züge aufweist. Dieses Gesicht läßt sich eigenartigerweise (in einem bestimmten Katalog als „weibliches Gespenst“ bezeichnet) in Wirklichkeit kaum als männlich oder vielleicht weiblich einstufen. Die Hakennase, die stark hervortretenden Backenknochen, die kantige Stirn, ein wie melancholisch gesenkter Blick, noch mehr - ein fast wie aus Verzweiflung sich in die Unterlippe beissendes Gebiß, die rötliche Zunge tritt aus der Seite des Mundes hervor. Ein Taifundämon ist das vielleicht, eine unglaubliche, machtvoll sich ausbreitende gespenstische Erscheinung, tiefschichtig brausend, aber auch tief empfindsam, kaum verständlich, vielleicht ein Spiegelbild zerwühlter Seelen, wie eine psychogene Verzweiflung zum Orkan gewachsen, die sich unbändig aufbäumt, rasend wird und nicht mehr zu zähmen niederwirft, bricht, zerschlagen sucht, vielleicht auch ganz plötzlich abbricht - unberechenbar. In der Ecke rechts unten im Bild, unter allem fauchenden Gebrause geduckt und doch irgendwie heimelig (weil der einzige Zufluchtsort für empfindsame Seiten), sind die Satteldächer von einem halben Dutzend niedriger Häuser zu erkennen, ein paar schwarze Kiefern ragen empor. Das Gemalte offenbart eine ganz genialische Seite - nämlich wirkungsvoll sehr stringent, räumlich durchgezogen erfassend. Sehr typisch für Kuniyoshi, der aus Edo stammte, dessen eigentlicher Name Igusa Yoshisaburo war, ein Schüler von Utagawa Toyokuni I, der zwar nicht der Gründer der Utagawa-Schule war, ihr aber das ausschlaggebende künstlerische Profil verliehen hat. Schon 1814 machte sich Kuniyoshi (Alter 16) selbständig und gab sein erstes illustriertes Buch heraus, 1818 das erste „heroische“ Triptychon, „Der Geist des Tomomori“. Seine erfolgreichste Zeit - als einer der ganz großen Künstler des Ukiyoe - war zwischen 1835 und 1850. Das schreckliche Erdbeben 1855 setzte ihm psychisch sehr schwer zu, verstorben ist er im April 1861. Außergewöhnliche Ausdruckskraft und sehr eigener, genialer, immer unabhängiger Charakter - mit den Behörden kam er mehrmals aufgrund politisch-satirischer Entwürfe in Konflikt. Er hat ca. 300 Bücher illustriert und um die 50 Schüler gehabt, alle haben Namen angenommen, die mit „Yoshi“ beginnen. Provenienz: Dr. Otto Kümmel (Berlin), Fritz Lang (USA), Felix Tikotin (Genf) und E. Biedermann, Bern. Nach dem Leiter des Berliner Ostasien- und Völkerkund-emuseums Otto Kümmel (ab 1934 Generaldirektor, bekannteste Bücher „Die Kunst Ostasiens“, „Chinesische Bronzen“, „Meisterwerke japanischer Landschaftsmalerei“ etc., sowie 1912 Gründer der „Ostasien Zeitschrift“, 1952 ist Kümmel** verstorben) war Fritz Lang der Besitzer. Lang war 1890 in Wien geboren, in den 20er Jahren einer der führenden Regisseure in Deutschland („Dr. Mabuse“, „Metropolis“, „M“), er emigrierte 1933 und wurde bedeutender amerikanischer Produzent, Rückkehr in den 50er Jahren, verstorben in Los Angeles 1976. 1982 wurde die Malerei von Felix Tikotin (Genf) erworben, zuletzt war sie in der Slg. E. Biedermann in Bern. * In seinem Film „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1932) kann man - beispielsweise - bald nach dem Beginn einer mysteriös wirkenden Gestalt begegnen, die ein sehr ähnliches Gesichtsprofil zu dem Kopf in Kuniyoshis Zeichnung bietet, auch eine ähnliche Art der Haare, nur daß sie nicht nach vorne fliegen. Lang hat in dem Blatt vermutlich eine merkwürdige Rückerinnerung empfunden, vielleicht auch eine künstlerische Verwandtschaft ... ** Kümmel hat im Krieg sehr viel von seiner Sammlung, seine gesamten Aufzeichnungen sowie Fotomaterial durch Brand verloren, siehe auch im Vorwort.

Expertise:
Wolfmar Zacken

Ausgestellt und publiziert: 1980 in Jerusalem in „Japanese Ghosts and Goblins“ in der Berman Hall (Katalognr. 30). Im gleichen Jahr in Köln in „Japanische Gespenster“ (Abb. 30A). 1982 in Martigny (Schweiz, Katalognr. 349) und 1984 in Baden-Baden, im Katalog der dortigen Kunsthalle die Nr. 107.