© Galerie Zacke
Catalog Number: HOK1009-003
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Black ink on paper
Japan
19th century
SIZE 26,8 x 35 CM
Visual Art

GOCKEL UND HENNE. Die Provenienz dieser Malereidie bereits mehrfach international ausgestellt war, läßt sich bis Hokusai zurückverfolgen. Sie stammt aus einer Folge von 46 Bildern - ursprünglich als Querrolle montiert -, die von Louis Gonse 1880 aus der Sammlung von Kawanabe Kyosai erworben wurde, der sie direkt aus dem Nachlaß von Hokusai erstanden hat. (Siehe nähere Ausführungen unten, bzw. im 2. Vorwort) „Hahn“ wäre hier doch zu wenig, das englische „Rooster“ würde da um einiges besser passen. Hokusai läßt hier beeindruckende Versiertheit in der Handhabung seines Pinsels erkennen, treffend, konzis, virtuos geführt. Vorallem aber mit dem feinen, unvermeidbaren inneren Humor, diesem ironisch-pittoresken, parodistischen Zug, nie lauthals, stets nuanciert und abgestimmt. Ein feines, erstaunlich lebensvoll gemaltes Bildnis, dieser Gockel mit Henne, so sehr realistisch-naturalistisch, komödiantisch, wie ein Auftritt auf einer Guckkastenbühne, scharf beleuchtet. Von der Sonne hinterm Hof, ein goldbrauner Misthaufen gleich daneben, die Schatten jedoch fehlen, die großartige Spontaneität hat sie hinweggerafft. Der Rooster, im Japanischen Tori, ist sich mehr als seiner Würde bewußt. Er ist aufgeblasen und voll von eingebildeter Würde, schwer trägt er seinen Nimbus, den roten Helm majestätischen Wesens. Engelbert Kaempfer schrieb in seiner History of Japan, daß die Japaner Hühner essen, daß die Hähne aber „am Leben gehalten und mit Sorgfalt gepflegt werden“ und fügt dann noch hinzu, u.a. „weil sie das Wetter vorhersagen können“. Im Tempel der Sonnengöttin Amaterasu in Ise werden Hähne als heilige Tiere gehalten. Das hat seine guten Gründe, siehe in der Anm. Vor allem aber ist der Gockel ein männliches Bild, eines der Potenz und auch der Kampfesfreude, da die Hahnenkämpfe - Tokei oder Tori-awase genannt - schon früh (ab ca. dem 8. Jh.) beliebt waren. Der Kampfhahn wird Shamo genannt. Elegant in einem hohen Bogen hat Hokusai die große Schwanzfeder und andere kürzere gemalt, sie bilden zugleich ein ganz notwendiges Gegengewicht zum Kopf, der schwer und vollrot ist, als wäre er von einem großen Trinker. Der rote Kopf des Gockels hier erinnert sehr daran, daß es einen speziellen Tanz im No gibt, zu dem ein Torikabuto getragen wird, ein „Hahnenkopf“ (Kabuto ist eigentlich der Helm). Der Hahn, der seinen Kopf gesenkt hält, sieht aus als würde er müde sein, als wäre ihm die Welt und alle Hennen in allem bereits viel zu viel und nur seine anerkannt herrscherliche Würde, ganz in sie eingesunken und umschlungen, ist ihm von Bedeutung noch. Hokusai hat den schönen Gockel ins Bildzentrum gestellt, die Henne dagegen an den Rand gedrängt. Dort ist sie, kleiner, rund, ein wenig farbiger, und für sie ist es von absoluter Belanglosigkeit, was der Rooster (der Gockel) sich einbildet, wofür er sich hält, das muß man auch so sehen. Das japanische Huhn wird Jidori genannt, es gibt sogar etliche geschützte Arten. In der Darstellung von Hokusai dürfte aber ein Shikoku ausgeführt sein, so wie dieser in diversen Malereien von bekannten Künstlern vorkommt. Berühmt ist in Japan der Onagatori wegen seiner mehrere Meter langen Federn. Im abergläubischen Volk galt der Hahn als apotropäisch, als Verscheucher von Dämonen, da sein Schrei mit dem Sonnenaufgang zusammenfiel und die Nacht sich verflüchtete. Forrer bildet in „Hokusai“ einen Gockelhahn mit Küken auf einem Fächer ab. Im Stil ist sehr gute Ähnlichkeit gegeben, im Strich, in der Gesamtheit des Tori, dort eine Spur flüchtiger mit weniger kräftigen Kontrasten gemalt, gegenüber dem kleinen Küken der Hahn von patriarchalischer Größe. Diese Malerei stammt angeblich aus der Zeit von 1816/17. In Hokusai’s vielbändigem Werk Manga kommen Hühner natürlich - in verschiedensten Varianten ihrer Posen - des öfteren vor. Anm.: Die Geschichte der Shinto-Göttin Uzume (Okame), die einst nackt vor der Höhle der Sonnengöttin tanzte um sie wieder hervorzulocken, ist bestens bekannt. In Ise macht(e) man es mit den Gockeln. Man hat es so weit gebracht, daß der vereinte Hahnenschrei die Amaterasu pünktlich aufweckt, die dann in majestätischem Schritt ihrer Höhle entschwebt. Kurzum, man hat diese Hähne dieser höchsten Gottheit geweiht. Aber auch andersrum verlautet es. Amaterasu soll sich nämlich nicht nur wegen der ihr widerwärtigen Possen der Götter und Göttinnen zurückgezogen haben, sondern auch wegen der vielen lauthals krächzenden Hähne.

Expertise:
Wolfmar Zacken

Kyôsai soll (laut Gonse) diese wie ein „Heiligtum“ verehrt und aufbewahrt haben, war aber - aufgrund seiner Trunksucht und aus ihr resultierendem Geldmangel - gezwungen, sie zu verkaufen. 1880 erstand dann Louis Gonse diese Querrolle von Kyosai und publizierte über sie erstmals in seinem Werk „L’art Japonais“ (Paris 1883) im ersten Band auf Seite 282?-?286 sowie in Tafel 7. Seinen enthusiastischen Text drucken wir anschließend ab. Auch Edmond de Goncourt gibt eine kurze Beschreibung dieser Querrolle in seinem Buch „Hokousai“ (Paris 1896, S. 309?-?310). Im Mai 1924 wurde die Querrolle bei Drouot in Paris versteigert (Lot 267, „Rouleau où ont étè assemblés 46 croquis, dessin pour la pluspart aquarellé et gouaché, représentant des fleurs, des oiseaux, des -papillons, des personnages, d‘une exécution exquise. Sur une fiche extérieure, on lit : Katsushika Hokusai Mangwa Jo“ (Album). Sie kam in den Besitz von Felix Tikotin (über ihn im großen Vorwort), der nicht nur Sammler sondern auch Kunsthändler war und die Querrolle in einzelne Bilder teilte und an verschiedene Museen, Sammlungen sowie private Sammler verkaufte. Die hier angebotenen Malereien aus genannter Rolle stammen alle aus der Sammlung E. Biedermann, der sie direkt von F. Tikotin (nachmals Genf) erworben hat. Alle hier präsentierten elf Arbeiten waren vielfach in verschiedenen ausländischen Museen und Sonderschauen ausgestellt, die dazu entsprechenden Hinweise, soweit verfügbar, sind bei den jeweiligen Bildbeschreibungen vermerkt. Über die Querrolle ist außer von L. Gonse und E. de Goncourt bis heute mehrfach publiziert worden u.a. von Mathi Forrer, James Hillier etc. Es sind alle Bilder unsigniert und bedauerlicherweise gibt es keine komplette Aufzählung der in diesem Kakemono einstmals enthalten gewesenen Werke. Welche Sicherheit bietet sich nun bezüglich der hier aufgelisteten elf Malereien - daß sie aus dieser viel genannten und irgendwie „berühmt“ gewordenen Querrolle auch tatsächlich stammen? Zum Ersten sind Katalognr. 1 und 4 bei Gonse abgebildet und ist die Nr. 4 überdies im Text erwähnt. Bei Goncourt sind die Katalognr. 4, 9 und 10 gelistet, die Nr. 10 ist mit einem Hinweis auf das Ippitsu Gafu (Seite 241?-?43) versehen, siehe Näheres darüber in unserer Beschreibung. Eine weitere Sicherheit, daß alle elf Arbeiten von Hokusai aus genannter Querrolle sind, ist, daß sie zu Lebzeiten Tikotins (dem - als einer der großen Sammlerpersönlichkeiten - ein -eigenes Museum in Haifa gewidmet wurde) im Zeitraum 1954 bis 1984 in verschiedensten Ausstellungen museal gezeigt, in den jeweiligen Katalogen abgebildet sowie beschrieben wurden sind und durchwegs als Herkunft die „berühmte“ Querrolle, die über Kyosai und Gonse nach Europa gekommen ist, angegeben wird. Diese Ausstellungen fanden statt im Art Council in London, im Musée d’Ixelles in Brüssel, in Martigny in der Schweiz, in der Kunsthalle in Baden-Baden sowie in einem Fall auch in den USA. Diese Abfolge von Ausstellungen hat bereits 30 Jahre nach dem Verkauf der kompletten Bildrolle begonnen, somit zu einem Zeitpunkt, als die Zusammenhänge noch sehr gut klärbar bzw. auch nachprüfbar waren. Seitens diverser Fachleute bzw. Hokusai-Experten ist nie bezweifelt worden, daß es sich um Arbeiten handelt, die aus Hokusai’s eigenen Händen stammen sowie aus der vielzitierten „Querrolle“, in der sie vormals montiert waren. Gonse vermutete angesichts der gesamten Rolle, daß die Arbeiten zwischen 1810 und dem Lebensende von Hokusai entstanden sind, eine Zeitspanne von fast vier Jahrzehnten. Geht man von den in „L’art Japonais“ von Gonse abgebildeten Stücken (Nr. 1 und 4) aus und vergleicht mit den anderen Malereien, so ist die Nr. 1 zwar besonders herausragend, es ist aber auch ein unübersehbarer durchgehender Zusammenhang hinsichtlich des Spontanen sowie der stilistischen Ausdrucksweise des Pinsels, seiner ganz bestimmten Führung und erkennbaren Konzentriertheit gegeben, kurz gesagt, ist es recht eindrücklich, daß all das Gezeichnete (bzw. Gemalte) der Hand sowie dem Geist des Hokusai entsprungen ist. Selbstverständlich sind „Dynamik“ und „Spontaneität“ oder Fülle des Pinsels und Kraft im Aufsetzen nicht genormt, sie sind es nie und bei keinem. So gibt es darin immer wieder leichte bis stärkere Schwankungen und somit Unterschiede, ein Bild kann bedächtiger, stiller, nachdenklicher oder auf mehr gezielt-direkte Art erfüllt und wie in einem kraftvollen Satz hingesetzt sein, oder überhaupt mehr zugewandt dem Naturhaft-Poetischen, was bei Hokusai in seiner Ausdrucksweise überhaupt zwei sehr gegensätzlich wirkende Welten sein können. Wie überhaupt stilistische Wechsel - auch stärkere - bei diesem Künstler nachgewiesen sind. Hat man selbst einmal intensiv gemalt, dann ist solcherlei völlig selbstverständlich, reflektiert bloß das innere oder äußere bzw. von außen nach innen und vice versa sich auswirkende Leben in all den zahllosen Facetten, Spiegelungen und Wechselfällen wieder. In den gemalten „Zeichnungen“ aus dieser Querrolle eine zusammenhängende Identität ihres „schöpferischen Wesens“ zu erkennen, fällt wirklich nicht schwer. Text von Louis Gonse in „L’art Japonais“ (erschienen 1883) zu dieser Querrolle mit Malereien von Hokusai, aus der nachfolgend die Nr. 1?-?11 unseres -Kataloges sind, lautet folgendermaßen: „Was die sechsundvierzig Aquarelle angeht, in verschiedenen Größen und aus verschiedenen Epochen, so sind sie alle von außerordentlicher Schönheit. Nie ist eine geschicktere Hand über das Papier geeilt. Es ist unmöglich, sie ohne Gefühl zu berühren. Das ist das Absolute, das ist die japanische Kunst mit einem Höchstmaß an Vollendung, an Frische, Lebendigkeit und Originalität. Motive aller Art, Studien von Gesichtern, Gesten und Haltungen, Blumen, Früchte, Insekten, Schmetterlinge in bunt schillernden Farben und Jungtiere voller Kraft folgen aufeinander und zeigen unerwartete und besondere Aspekte der Natur, eingefangen von einem einzigartigen Auge. Jede Seite ist eine geniale Komposition, ein vollendetes Stück, dem auch die strengste Kritik nichts hinzuzufügen wüsste: hier eine Zikade auf einem Kürbis oder ein um einen Hortensienzweig fliegender Spanner, dort eine an einer Scheibe Wassermelone nagende Ratte oder eine sich in einem Glas tummelnde Silberkarausche. Erwähnt werden sollte, dass einige dieser Motive sich in den gedruckten Alben wiederholen, allerdings nie in identischer Form. Ihrer Ausführung nach gehören sie in die dreißig letzten Lebensjahre des Künstlers, das heißt in seine beste Zeit. Die, was den Reichtum des Stils betrifft, schönsten sowie durch Geschmack und Pinselstrich gleichermaßen prägnantesten Bilder sind diejenigen, die am spätesten entstanden scheinen. Es gibt einige Studien von Philosophen, die würdig wären, von Rembrandt signiert zu sein, und das meine ich wörtlich. Einige seiner Aquarelle sind wahrscheinlich erst nach 1840 gemalt, die ältesten nicht vor 1810. Hokusai hat sich immer weiter perfektioniert. Seine Sinne haben nie nachgelassen. Hierzu habe ich im Nachwort der ersten und sehr seltenen Auflage des ersten Bandes von „Die hundert Ansichten des Berges Fuji“ (Fugaku Hyakkei) eine sehr bemerkenswerte Aussage von Hokusai selbst gefunden, die Dietkins und Anderson unbekannt war. Ich bringe hier die wörtliche Übersetzung: „Seit ich sechs Jahre alt war, war ich von dem Drang beseelt, die Formen der Dinge zu zeichnen. Im Alter von fünfzig habe ich eine Unmenge von Zeichnungen veröffentlicht, aber nichts von dem, was ich bis zum Alter von siebzig geschaffen habe, befriedigt mich. Mit dreiundsiebzig schließlich habe ich so ungefähr die Form und die wahre Natur der Vögel, Fische, Pflanzen usw. begriffen. Demnach werde ich im Alter von achtzig Jahren große Fortschritte gemacht haben, mit neunzig werde ich den Dingen auf den Grund gegangen sein, mit hundert werde ich wirklich ein unbestimmbares höheres Stadium erreicht haben und im Alter von hundertzehn wird alles, sei es nun ein Punkt oder eine Linie, von wahrem Leben erfüllt sein. Mögen die-jenigen, die ebenso lange wie ich?* leben werden, sehen, ob ich mein Wort halte.“ * Hokusai ist 1849 im Alter von knapp 90 Jahren verstorben

Ausgestellt und publiziert: 1954 in „Hokusai - Drawings and Watercolours“ vom Art Council of Great Britain, London, im Katalog die Nr. 63. Sowie 1984 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, im Katalog die Nr. 30.