© Galerie Zacke
Catalog Number: HOK1009-008
Katsushika Hokusai (1760 - 1849)
Ink on paper
Japan
19th century
SIZE CA. 22,1 x 25,5 CM
Visual Art

ENTE UND ENTERICH (oder KORMORAN?). Die Provenienz dieser Malerei, die bereits mehrfach international ausgestellt war, läßt sich bis Hokusai zurückverfolgen. Sie stammt aus einer Folge von 46 Bildern - ursprünglich als Querrolle montiert -, die von Louis Gonse 1880 aus der Sammlung von Kawanabe Kyosai erworben wurde, der sie direkt aus dem Nachlaß von Hokusai erstanden hat. (Siehe nähere Ausführungen unten, bzw. im 2. Vorwort). Dieses mehrfach international ausgestellte Blatt wird vom Art Council als „Duck and drake“, im Katalog von Martigny als „Paire de canards“ und in einem anderen Katalog als „Ente und Erpel“ bezeichnet, was also samt und sonders auf’s selbe hinauskommt. In den Abfolgen jeweils das männliche hinter das weiblichen Tier gestellt, aber ob das in der Malerei wirklich so ist, ist die Frage, und beträchtlich weitergehend, ob das wirklich „Enten“ sind. Lesen Sie dazu in der Anm. Hokusai stellt einen ganz leicht struppig aussehenden, mehr schwarzen Vogel vorne hin, einen weißen dahinter. Das kann natürlich ein Yin-Yang-Spiel sein, zumal die Komposition einen ungefähren Kreis bildet. Der weiße Vogel beugt seinen Kopf mehr hinab als der schwarze. Um seine Erscheinung überhaupt sich abheben zu lassen, hat der Künstler um den sehr eiförmig gebildeten Vogel dunkel schattiert. Sonst hätten wir nämlich die zen-buddhistische Nr. 10 vom Jugyu no Zu, darin alles weiß ist und rein nichts mehr zu sehen ist. Man ist sich bei Hokusai ja nie ganz sicher, kann es gar nicht sein, was er sich genau gedacht hat. Nehmen wir an, daß es sich hier um Kormorane handelt, im Japanischen kurz „U“ genannt (nicht zu verwechseln mit dem Hasen im Tierkreis, der dort auch „U“ genannt wird). Der weiße Kormoran gilt als Glücksomen, dazu ist er ein Sinnbild unermüdlicher Arbeit für seinen Herrn und für scharfes Erkennen. Wären es Enten, so könnte man nur an den daoistischen Magier Okyo denken, der zu aller Staunen jedesmal zum Kaiserhof auf einem Entenpaar oder einem Erpel geflogen kam. Da wollten ein paar dümmlich-neugierige Höflinge die Vögel einfangen, das gelang ihnen zwar, aber diese verwandelten sich innert Sekunden in ein paar alte Schuhe. Dem struppigen vorderen „Enterich“ könnte man so was vielleicht zutrauen. Von all dem abgesehen ist Hokusai’s Pinsel wie immer leichtfüßig und selbst-amüsiert, und ein sehr sensibler Beobachter der Natur. Kurz und bündig schafft er volles naturalistisches Leben, aber auch allzu gerne von seltsam subtilem, versteckt gehaltenem Witz begleitet. Wir könnten die Enten-Kormorane ja kurzum die „Hokusai-Vögel“ nennen. Anm.: Die Schnäbel dieser Vögel sind zu gerade und zu lange und lassen eher an einen Umi-U denken, einen „Japanischen Kormoran“. Der schwarze Vogel hat seinen S-förmigen Hals deutlich eingezogen. Bezüglich „Ente“ sei im Buch der Wild Bird Society of Japan nachgesehen, seitenweise (10) gibt es eine Unmenge an verschiedensten Enten-Arten, aber es ist wirklich nicht auf die Hokusai’sche Darstellung hinzukommen. Auf der Seite der Kormorane jedoch eher. Das einzige, das abgeht, sind die wenig ausgeprägten Schwimmhäute zwischen den Zehen. Aber vielleicht ist es auch (vor allem der Vogel vorne) bloß eine Krähe, die einen Kormoran imitiert, sie ist bald darauf ersoffen. Der Spruch dazu heißt: „U no mane suru karasu“, worin „Karasu“ die Krähe ist, „Wenn eine Krähe einen Kormoran nachahmt“. Sehen wir es somit eher von einer mehr unernsten Seite, dann sei noch erwähnt das „Pair de canards“ (wie es im Katalog von Martigny heißt). Canard ist die Ente, aber auch ein in Schnaps getauchtes Zuckerstück ... Man sollte auch mit dem Blatt der Nr. 10 hier im Katalog vergleichen, Gänse. Die sind auch nicht ganz klar als solche zu erkennenn sehen etwas wie Möwen aus, besonders die hintere. Andererseits sind die Schnäbel auch so eigentümlich lang gezogen und mit einer Art von Haken ganz vorne, wie hier die (möglicherweise) Kormorane.

Expertise:
Wolfmar Zacken

Kyôsai soll (laut Gonse) diese wie ein „Heiligtum“ verehrt und aufbewahrt haben, war aber - aufgrund seiner Trunksucht und aus ihr resultierendem Geldmangel - gezwungen, sie zu verkaufen. 1880 erstand dann Louis Gonse diese Querrolle von Kyosai und publizierte über sie erstmals in seinem Werk „L’art Japonais“ (Paris 1883) im ersten Band auf Seite 282?-?286 sowie in Tafel 7. Seinen enthusiastischen Text drucken wir anschließend ab. Auch Edmond de Goncourt gibt eine kurze Beschreibung dieser Querrolle in seinem Buch „Hokousai“ (Paris 1896, S. 309?-?310). Im Mai 1924 wurde die Querrolle bei Drouot in Paris versteigert (Lot 267, „Rouleau où ont étè assemblés 46 croquis, dessin pour la pluspart aquarellé et gouaché, représentant des fleurs, des oiseaux, des -papillons, des personnages, d‘une exécution exquise. Sur une fiche extérieure, on lit : Katsushika Hokusai Mangwa Jo“ (Album). Sie kam in den Besitz von Felix Tikotin (über ihn im großen Vorwort), der nicht nur Sammler sondern auch Kunsthändler war und die Querrolle in einzelne Bilder teilte und an verschiedene Museen, Sammlungen sowie private Sammler verkaufte. Die hier angebotenen Malereien aus genannter Rolle stammen alle aus der Sammlung E. Biedermann, der sie direkt von F. Tikotin (nachmals Genf) erworben hat. Alle hier präsentierten elf Arbeiten waren vielfach in verschiedenen ausländischen Museen und Sonderschauen ausgestellt, die dazu entsprechenden Hinweise, soweit verfügbar, sind bei den jeweiligen Bildbeschreibungen vermerkt. Über die Querrolle ist außer von L. Gonse und E. de Goncourt bis heute mehrfach publiziert worden u.a. von Mathi Forrer, James Hillier etc. Es sind alle Bilder unsigniert und bedauerlicherweise gibt es keine komplette Aufzählung der in diesem Kakemono einstmals enthalten gewesenen Werke. Welche Sicherheit bietet sich nun bezüglich der hier aufgelisteten elf Malereien - daß sie aus dieser viel genannten und irgendwie „berühmt“ gewordenen Querrolle auch tatsächlich stammen? Zum Ersten sind Katalognr. 1 und 4 bei Gonse abgebildet und ist die Nr. 4 überdies im Text erwähnt. Bei Goncourt sind die Katalognr. 4, 9 und 10 gelistet, die Nr. 10 ist mit einem Hinweis auf das Ippitsu Gafu (Seite 241?-?43) versehen, siehe Näheres darüber in unserer Beschreibung. Eine weitere Sicherheit, daß alle elf Arbeiten von Hokusai aus genannter Querrolle sind, ist, daß sie zu Lebzeiten Tikotins (dem - als einer der großen Sammlerpersönlichkeiten - ein -eigenes Museum in Haifa gewidmet wurde) im Zeitraum 1954 bis 1984 in verschiedensten Ausstellungen museal gezeigt, in den jeweiligen Katalogen abgebildet sowie beschrieben wurden sind und durchwegs als Herkunft die „berühmte“ Querrolle, die über Kyosai und Gonse nach Europa gekommen ist, angegeben wird. Diese Ausstellungen fanden statt im Art Council in London, im Musée d’Ixelles in Brüssel, in Martigny in der Schweiz, in der Kunsthalle in Baden-Baden sowie in einem Fall auch in den USA. Diese Abfolge von Ausstellungen hat bereits 30 Jahre nach dem Verkauf der kompletten Bildrolle begonnen, somit zu einem Zeitpunkt, als die Zusammenhänge noch sehr gut klärbar bzw. auch nachprüfbar waren. Seitens diverser Fachleute bzw. Hokusai-Experten ist nie bezweifelt worden, daß es sich um Arbeiten handelt, die aus Hokusai’s eigenen Händen stammen sowie aus der vielzitierten „Querrolle“, in der sie vormals montiert waren. Gonse vermutete angesichts der gesamten Rolle, daß die Arbeiten zwischen 1810 und dem Lebensende von Hokusai entstanden sind, eine Zeitspanne von fast vier Jahrzehnten. Geht man von den in „L’art Japonais“ von Gonse abgebildeten Stücken (Nr. 1 und 4) aus und vergleicht mit den anderen Malereien, so ist die Nr. 1 zwar besonders herausragend, es ist aber auch ein unübersehbarer durchgehender Zusammenhang hinsichtlich des Spontanen sowie der stilistischen Ausdrucksweise des Pinsels, seiner ganz bestimmten Führung und erkennbaren Konzentriertheit gegeben, kurz gesagt, ist es recht eindrücklich, daß all das Gezeichnete (bzw. Gemalte) der Hand sowie dem Geist des Hokusai entsprungen ist. Selbstverständlich sind „Dynamik“ und „Spontaneität“ oder Fülle des Pinsels und Kraft im Aufsetzen nicht genormt, sie sind es nie und bei keinem. So gibt es darin immer wieder leichte bis stärkere Schwankungen und somit Unterschiede, ein Bild kann bedächtiger, stiller, nachdenklicher oder auf mehr gezielt-direkte Art erfüllt und wie in einem kraftvollen Satz hingesetzt sein, oder überhaupt mehr zugewandt dem Naturhaft-Poetischen, was bei Hokusai in seiner Ausdrucksweise überhaupt zwei sehr gegensätzlich wirkende Welten sein können. Wie überhaupt stilistische Wechsel - auch stärkere - bei diesem Künstler nachgewiesen sind. Hat man selbst einmal intensiv gemalt, dann ist solcherlei völlig selbstverständlich, reflektiert bloß das innere oder äußere bzw. von außen nach innen und vice versa sich auswirkende Leben in all den zahllosen Facetten, Spiegelungen und Wechselfällen wieder. In den gemalten „Zeichnungen“ aus dieser Querrolle eine zusammenhängende Identität ihres „schöpferischen Wesens“ zu erkennen, fällt wirklich nicht schwer. Text von Louis Gonse in „L’art Japonais“ (erschienen 1883) zu dieser Querrolle mit Malereien von Hokusai, aus der nachfolgend die Nr. 1?-?11 unseres -Kataloges sind, lautet folgendermaßen: „Was die sechsundvierzig Aquarelle angeht, in verschiedenen Größen und aus verschiedenen Epochen, so sind sie alle von außerordentlicher Schönheit. Nie ist eine geschicktere Hand über das Papier geeilt. Es ist unmöglich, sie ohne Gefühl zu berühren. Das ist das Absolute, das ist die japanische Kunst mit einem Höchstmaß an Vollendung, an Frische, Lebendigkeit und Originalität. Motive aller Art, Studien von Gesichtern, Gesten und Haltungen, Blumen, Früchte, Insekten, Schmetterlinge in bunt schillernden Farben und Jungtiere voller Kraft folgen aufeinander und zeigen unerwartete und besondere Aspekte der Natur, eingefangen von einem einzigartigen Auge. Jede Seite ist eine geniale Komposition, ein vollendetes Stück, dem auch die strengste Kritik nichts hinzuzufügen wüsste: hier eine Zikade auf einem Kürbis oder ein um einen Hortensienzweig fliegender Spanner, dort eine an einer Scheibe Wassermelone nagende Ratte oder eine sich in einem Glas tummelnde Silberkarausche. Erwähnt werden sollte, dass einige dieser Motive sich in den gedruckten Alben wiederholen, allerdings nie in identischer Form. Ihrer Ausführung nach gehören sie in die dreißig letzten Lebensjahre des Künstlers, das heißt in seine beste Zeit. Die, was den Reichtum des Stils betrifft, schönsten sowie durch Geschmack und Pinselstrich gleichermaßen prägnantesten Bilder sind diejenigen, die am spätesten entstanden scheinen. Es gibt einige Studien von Philosophen, die würdig wären, von Rembrandt signiert zu sein, und das meine ich wörtlich. Einige seiner Aquarelle sind wahrscheinlich erst nach 1840 gemalt, die ältesten nicht vor 1810. Hokusai hat sich immer weiter perfektioniert. Seine Sinne haben nie nachgelassen. Hierzu habe ich im Nachwort der ersten und sehr seltenen Auflage des ersten Bandes von „Die hundert Ansichten des Berges Fuji“ (Fugaku Hyakkei) eine sehr bemerkenswerte Aussage von Hokusai selbst gefunden, die Dietkins und Anderson unbekannt war. Ich bringe hier die wörtliche Übersetzung: „Seit ich sechs Jahre alt war, war ich von dem Drang beseelt, die Formen der Dinge zu zeichnen. Im Alter von fünfzig habe ich eine Unmenge von Zeichnungen veröffentlicht, aber nichts von dem, was ich bis zum Alter von siebzig geschaffen habe, befriedigt mich. Mit dreiundsiebzig schließlich habe ich so ungefähr die Form und die wahre Natur der Vögel, Fische, Pflanzen usw. begriffen. Demnach werde ich im Alter von achtzig Jahren große Fortschritte gemacht haben, mit neunzig werde ich den Dingen auf den Grund gegangen sein, mit hundert werde ich wirklich ein unbestimmbares höheres Stadium erreicht haben und im Alter von hundertzehn wird alles, sei es nun ein Punkt oder eine Linie, von wahrem Leben erfüllt sein. Mögen die-jenigen, die ebenso lange wie ich?* leben werden, sehen, ob ich mein Wort halte.“ * Hokusai ist 1849 im Alter von knapp 90 Jahren verstorben

Ausgestellt und publiziert: In The Art Council of Great Britain, London 1954, im Ausstellungskatalog die Nr. 34. In Ausstellungen in New York, St. Louis und Portland 1980, im dazu aufgelegten Katalog von Jack Hillier die Nr. 65. In Martigny (Schweiz) 1982, im Katalog „L’Art Japonais“ die Nr. 21. Sodann 1984 in Baden-Baden, im Katalog der dortigen Kunsthalle die Nr. 37.